Prozession der Skurrilitäten

Eines vorweg: Demonstrationen sind wichtig, Demonstrationen sind gut! Ich habe es mir mehrmals durch den Kopf gehen lassen, ob ich folgenden Rundumschlag tatsächlich veröffentlichen soll. Es gehört nicht gerade zum guten Ton, Protest madig zu machen. Manches ist vielleicht etwas überspitzt dargestellt, manches meine ich aber genauso wie ich es schreibe.

Wie das Wort schon sagt, demonstriert man mittels einer Demonstration seine Stärke und trägt seine Anliegen an die Öffentlichkeit.

Genauso aber kann man seine Schwäche demonstrieren. Dann nämlich, wenn man ein „breites Bündnis“ aus über 40 Organisationen bemüht, um zu einem Thema, dass alle betrifft, gerade mal ein paar Tausend Leute auf die Straße bringt. Bei aller Lobhudelei und Selbstzufriedenheit, ist es einfach absurd, die max. 6000 Teilnehmer zu verdoppeln (ausnahmsweise war nämlich die Polizei mit ihrer „Schätzung“ näher an der Wahrheit).

So geschehen am Samstag den 27.11. zum Thema Sparpaket. Die größte Organisation, die zur Demo aufgerufen hat, war zweifellos der ÖGB. Von seinen ca. 1 Mio. Mitgliedern mobilisierte er sagenhafte 1000 – 3000. Der ÖGB ist bekanntlich SPÖ dominiert, möglicherweise waren die Anwesenden keine Parteisoldaten. Wer’s glaubt – schließlich waren AUGE/UG („unabhängige GewerkschafterInnen“) und Derivate als eigener Block anwesend. Wundersamerweise aber war die SPÖ auch direkt vertreten. Kinderfreunde, rote Falken, Jusos etc. mischten sich unters bunte Demovolk und stellten eine der größten Gruppen der Demo. Demonstrierten jene etwa gegen die eigene Partei? Nein, ihren Transpis und Plakaten war zu entnehmen, dass ausschließlich die ÖVP am Sparpaket schuld sei. Geht’s skurriler? JA! Die ebenfalls lautstark vertretene „Österreichische Gewerkschaftsjugend“ schossen den Vogel in Sachen Realsatire am zielsichersten ab. Während gegen Reiche und Banken gepoltert wurde, fuhr der peppige ÖGJ Bus mit Revolutionsbeschallung und der Aufschrift „powered by BAWAG-PSK“ und „so viel Bank du willst“ durch die Reihen. Zumindest eine Bank, hat also schon gezahlt. Nämlich die BAWAG PSK den Bus der ÖGJ (zu sehen hier: http://www.youtube.com/OEGJonline)!

Die üblichen Verdächtigen waren selbstverständlich auch mit von der Partie. Sämtlichen trotzkistischen Splittergruppen ist fairer weise zugute zu halten, dass sie es schafften, das Sparpaket nicht dem „US-Imperialismus“ in die Schuhe zu schieben, was für manche schon eine Leistung ist. Um nicht falsch verstanden zu werden: In den Reihen der SLP, RSO, Linkswende etc. gibt es viele kluge und engagierte Leute. Doch den Unterschied zwischen der 3. Abspaltung der sozialistischen Liga für die kommunistische Revolution und der 4. Neugründung der kommunistischen Liga für die sozialistische Revolution kann der/die klügste AktivistIn nicht so einfach auf der Straße erklären. Um das zu erfahren, müsse man schon ins jeweilige Zentralkomitee gewählt werden, jahrelange Mitgliedschaft vorausgesetzt…. Die KPÖ ist ein eigenes Kapitel: zaghaft, zurückhaltend und irgendwie orientierungslos, auch türkische und kurdische KommunistInnen kochten wie immer ihre  Süppchen.

Kommen wir zum antikapitalistischen Block. Aber halt, sind nicht auch TrotzkistInnen, K-Gruppen und KPler AntikapitalistInnen? Ja schon, aber der antikapitalistische Block ist der antikapitalistischste aller Blöcke und setzt sich vornehmlich aus Vertretern der Autonomen Szene zusammen. Die sind so autonom, dass man den Block vor lauter autonomer Individuen gar nicht wahrnimmt. Ein Transparent muss reichen. Schließlich muss ein solches von 2 Leuten getragen werden und das ist ja fast schon eine Organisation! Wiedererkennungswert null, Mitmachmöglichkeit nicht vorhanden…

Die ÖH scheint, nachdem ihr voriges Jahr praktisch durch die studentische Selbstorganisierung der Alleinvertretungsanspruch abgesprochen wurde, wieder in neuem Glanz zu erstrahlen. Auch KatholInnen protestieren, es geht schließlich darum, ob  sich die Schäfchen in Zukunft den Luxus einer Kirchensteuer noch leisten kann.

Natürlich waren auch studierende und diverse Gruppen vertreten, die nicht in eine der aufgezählten Kategorie passen. Ohne diese Leute wäre die Demo vollends zur Farce verkommen…

Kann man den Anwesenden einen Vorwurf machen, was die geringe Teilnehmerzahl betrifft? Bedingt, abgesehen von den Komikern aus den Reihen der SPÖ, welche als Regierungspartei eigentlich – wie in anderen Ländern üblich, und hierzulande korrekterweise mit der FPÖ praktiziert – von solch einer Demo freundlich aber bestimmt verwiesen werden sollten, tun jene die auf eine Demo gehen immerhin etwas. Doch dass man nicht in der Lage dazu ist, Otto und Ayse NormalverbraucherIn zu erklären, warum es wichtig wäre, gegen die momentanen und kommenden Zumutungen auf die Straße zu gehen, müssen wir uns alle vorwerfen! Das mag aber auch am Eventcharakter liegen: Samstags gehe ich demonstrieren, am Sonntag schlafe ich mich aus und Montags gehe ich wieder malochen.

Es ist allerhöchste Eisenbahn, in die Betriebe und Kommunen hinein- und von dort heraus zu gehen. Erst wenn man glaubhaft vermitteln kann, dass Veränderung von „unten“ möglich und wichtig ist und dies auch gegen den Willen der Chefs, des ÖGB’s, der Bezirkspolitiker und Regierenden in die Tat umsetzt, werden solche Demonstrationen von der Farce zu Großkundgebungen!

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